zurück zur Startseite   Startseite
Was ist Gestalttherapie?

Der Satz "Gestalttherapie ist keine Methode, sondern eine Haltung" trifft es recht gut. Doch braucht es - um in diese Haltung hineinzukommen - Übung in den Methoden.
Diese aber sind kein Selbstzweck, sondern lediglich ein Mittel, um schließlich das zu verwirklichen, was die Gestalttherapie "Präsenz im Hier-und-Jetzt" nennt,
ein tatsächliches Da-Sein von Moment zu Moment.
(Für eine Kurzeinführung in die Theorie der Gestalttherapie: Seite bitte nach unten scrollen)

seerose
Um es in den Worten von Perls zu sagen:

" Die Aufgabe... von wirklich guter Therapie ist ... das große Erwachen, das Zu-Sinnen-Kommen, Aufwachen aus seinem Traum - vor allem aus seinem Alptraum. Wir können damit schon anfangen, indem wir erkennen, dass wir Rollen spielen im Theater des Lebens, indem wir verstehen, dass wir immer in einem Trancezustand sind ... wir spielen all diese Spielchen, bis wir zu Sinnen kommen. Wenn wir zu unseren Sinnen kommen, fangen wir an, unsere Bedürfnisse und Befriedigungen zu sehen, zu fühlen, zu erleben, anstatt Rollen zu spielen und eine ganze Menge an Requisiten dafür zu brauchen - Häuser, Autos, Aberdutzende von Kostümen ... die Millionen unnötigen Ballasts, den wir uns aufbürden, und wir sehen dabei nicht ein, dass uns sowieso aller Besitz nur auf Zeit gegeben ist ... Nun, die Idee des Aufwachens und Wirklichwerdens bedeutet,
mit dem zu existieren, war wir haben, dem wirklichen vollen Potential, einem reichen Leben, tiefen Erfahrungen, Freude, Wut -
wirklich sein und keine wandelnden Leichen.
Das ist die Bedeutung der echten Therapie, der wirklichen Reifung, des wirklichen Aufwachens ..." (F.S. Perls)

Hintergrund und kurzer Ausflug in die Theorie

Die Gestalt-Therapie gehört zu den hermeneutisch-phänomenologisch ausgerichteten erlebnisaktivierenden Psychotherapieverfahren. Als Begründer dieser Psychotherapie-Methode gelten die psychoanalytisch ausgebildeten Fritz Perls und Laura Perls (geb. Lore Posner) und Paul Goodman, ein Vertreter des philosophischen Anarchismus.

Von "Gestalttherapie" kann man seit dem Erscheinen des gleichnamigen Buches (Fritz Perls und Paul Goodman gemeinsam mit Ralph F. Hefferline) 1951 sprechen. Das Menschenbild der Gestalttherapie ist am gesunden Menschen orientiert; die Weisheit des Organismus lässt in jedem Augenblick das in den Vordergrund treten, was momentan am Dringlichsten ist. Wenn dabei nun Störungen auftreten, werden diese als spontane Umleitung des Lebensflusses verstanden, um trotz widriger Lebensbedingungen bestehen zu können.

Ein Grundbegriff ist der der unabgeschlossenen Gestalten, die sich im Klienten hemmend auswirken. Derartige Gestalten gilt es bewusst zu machen und in einer kreativen Form abzuschließen. Damit werden sie ihrer unbewusst hemmenden und bedrohenden Wirkung enthoben.
Der Anpassungsprozess des Organismus an die Umwelt (Kontaktprozess), konnte aufgrund möglicher Störungen nicht vollständig geschehen (die Kontaktstörung). Damit konnte sich eine vollständige (oder 'geschlossene') Gestalt im Sinne einer abgeschlossenen Anpassungsleistung nicht  ausbilden.

Im Mittelpunkt dieser Methode steht die Entwicklung und Verfeinerung der Awareness, des Gewahrseins aller gerade vorhandenen und zugänglichen Gefühle, Empfindungen und Verhaltensweisen. Daraus folgt eines der wichtigsten Arbeitsprinzipien der Gestalttherapie, das Prinzip des Hier-und-Jetzt. Damit soll der Kontakt des Klienten zu sich selbst und zu seiner Umwelt gefördert werden.

Die Art und Weise, wie der Klient diesen Kontakt zu sich selbst und seiner Umwelt in bestimmten Situationen unterbricht oder vermeidet, gilt als wesentlicher Faktor beim Zustandekommen psychischer Störungen.
Durch die Überwindung dieser Kontaktstörungen sollen die Selbstheilungskräfte des Klienten freigelegt und neue Einsichten, Erfahrungen und Verhaltensmöglichkeiten erschlossen werden. Die gegenwärtige Situation, auch die zwischen Klient und Therapeut, wird als der entscheidende Moment betrachtet, in welchem Veränderung geschehen kann. Vergangenheit und Zukunft kommen auch in dieser gegenwärtigen Situation ins Spiel: z.B. als Erinnerung oder als Planung.

Die Selbstheilungskräfte betrachtet die Gestalttherapie als Teil der organismischen Selbstregulation, also der Fähigkeit des Organismus, sich in seiner Umgebung zu erhalten. Durch verschiedene Übungen und methodische Grundhaltungen soll die Selbstregulation gefördert werden.

Die therapeutische Beziehung in der Gestalttherapie - verstanden als Dialogische Gestalttherapie - orientiert sich an den Grundsätzen der existentiellen Beziehungsphilosophie Martin Bubers, der dialogischen Haltung. Diese betont ein Hin-und-Her-Schwingen zwischen dem Handeln aus einer sog. Ich-Es-Haltung, und dem Handeln aus einer sog. Ich-Du-Haltung, das aus ontologischer Bezogenheit heraus sich dem anderen Menschen in horizontaler Weise hinwendet, ihn als Person in seiner Einzigartigkeit wertschätzt, ohne einen Zweck zu verfolgen. Beide Haltungen stehen in einem Figur-Grund-Verhältnis zueinander und werden je nach Erfordernis der Situation gewählt.

Heute finden sich in der Gestalt-Therapie Ausrichtungen, die den Schwerpunkt vorwiegend auf die Erlebnisaktivierung und damit einhergehende kathartische Erlebnisse setzen, neben anderen, für die die geduldige Entwicklung der therapeutischen Beziehung und der Beziehungsfähigkeit des Patienten im Mittelpunkt steht.

Anwendung finden Theorie und Praxis der Gestalttherapie auch in anderen Bereichen: z.B. in der Gestalt-Beratung oder der Gestaltpädagogik.

In der Wirksamkeitsforschung der Gestalttherapie sind die Studien von Willi Butollo und Leslie S. Greenberg zu nennen.
Greenbergs Untersuchungen bezogen sich auf einzelne Techniken und deren Effektivität, Butollo untersuchte die Wirksamkeit der Gestalttherapie bei Angststörungen. Beide kommen zu dem Schluss, das die Gestalttherapie eine hohe Effizienz aufweise.

Den vollständigen Lehrtext von Andreas Büche finden sie hier: Gestalttherapie.pdf